Bemerkungen zur Entwicklung unserer Berufsgruppe

In der Medizin gilt als Ursprung der gezielten und systematischen Beschäftigung mit Sprach-, Sprech- und Stimmstörugen das Jahr 1906, in dem Hermann Gutzmann sen. Vorlesungen über die Gesundheitspflege der Stimme in Hamburg und kurz darauf in Berlin hielt. In den Jahren um die Jahrhundertwende wurden verschiedene Lektorate für Vortragskunst eingerichtet, so in Berlin, Leipzig, Halle, Bonn und Königsberg; hier spielten neben der Schulung der ästhetischen Ausdrucksfunktion von Stimme und Sprache immer auch die Stimmhygiene und Störungsprophylaxe eine gewichtige Rolle: Atemübungen, Stimmtechnik, Artikulationsschulung. In Halle ist als wichtiges Jahr im Zusammenhang mit der Entwicklung des sprechwissenschaftlichen Faches ebenfalls das Jahr 1906 zu sehen: Ewald Geissler wirkte als erster Lektor unserer Disziplin an der Universität und befasste sich neben Vortragskunst und Rhetorik auch mit Stimm- und Artikulationsschulung. Für die Beschäftigung mit Sprach- und Stimmstörungen ist es als besonderer Glücksfall zu betrachten, dass der Nachfolger Geisslers, Richard Wittsack, der 1919 seine Arbeit in Halle aufnahm, in den vorherigen Jahren an der Berliner Charité bei Gutzmann, Flatau und Katzenstein, also führenden Vertretern der jungen medizinischen Disziplin Sprach- und Stimmheilkunde, Vorlesungen gehört hatte (vgl. Suttner 1981). Diese Anregungen waren zweifellos verantwortlich für sein Engagement auf dem Gebiet der Sprachstörungen: einerseits für die Integration der entsprechenden Inhalte in die sprechkundliche Lehre und Forschung, andererseits für die Etablierung einer Sonderabteilung für Sprechhemmungen und Sprechkrankheiten, die nicht nur Studierenden der Universität, sondern auch Patienten aus dem außeruniversitären Sektor zur Verfügung stand.

Die Entwicklung des sprechwissenschaftlichen Gebietes Stimm- und Sprachstörungen war eng an das phoniatrische Teilgebiet der Medizin gebunden. Die phoniatrische Fachwelt teilte sich zu jener Zeit in zwei teilweise unversöhnliche Lager. Zunächst gab es die Berliner Schule, die sogenannten "Organisten" (wichtige Vertreter: H. Gutzmann sen., Nadoleczny, Kussmaul, Schilling, Seeman u.a.). Ihre Sichtweise war streng an der Physiologie orientiert; für sie hatte eine therapeutische Intervention grundsätzlich den Sinn, einen physiologischen Normalzustand wiederzuerlangen.

Dieser Richtung stand die Wiener Schule gegenüber, die sogenannten "Psychologisten" (Fröschels, Stein, Urbantschitsch, Liepmann u.a.), in deren Lehrgebäude die Psychologie und insbesondere die tiefenpsychologische Sichtweise einen herausragenden Platz einnahm. Bis heute kann man in der Phoniatrie/Pädaudiologie bei den Enkel- und Urenkelschülern die letzten "Ausläufer" dieser Divergenz zwischen beiden Ansätzen beobachten.

Ein zweiter Glücksfall bestand nun darin, dass Wittsack seine Einblicke in das Gebiet der Störungen nicht nur bei den damals kompetentesten medizinischen Fachvertretern, sondern auch in kurzer Folge bei Vertretern der beiden dominierenden medizinischen Schulen des Fachgebietes gewann. Möglicherweise liegt hierin die Ursache, dass die sprechkundliche Disziplin der Gefahr einer Vereinseitigung entging: dass nämlich die sprechkundliche Ausbildung von Anfang an einerseits strikt an den anatomischen und physiologischen Gegebenheiten orientiert war, ohne sich in mystischen Spekulationen zu verlieren, andererseits aber auch von einer Sichtweise ausging, die den gesamten Menschen in seiner physischen und psychischen Verfassung berücksichtigte und durchaus die soziale Dimension von Störungen der Kommunikationsfähigkeit beachtete - zu einer Zeit, als der heute teilweise schon zum Schlagwort verkommene Begriff "Ganzheitlichkeit" noch nicht geläufig war.

Nach der Übernahme der Institutsleitung durch Hans Krech wurde die sinnvolle enge Verbindung zwischen medizinischer und geisteswissenschaftlicher Beschäftigung mit dem Gebiet der Störungen von Sprache, Sprechen und Stimme noch intensiviert.

Diese Tatsache hatte neben dem Aspekt der interdisziplinären Kooperation auch eine große Bedeutung für die interne Fachorientierung: Durch die relativ enge Verbindung zur Medizin wurde stets eine streng an den anatomischen Gegebenheiten und den realen physiologischen Abläufen orientierte Sichtweise eingenommen. Diese Perspektive wurde über das Teilgebiet der Störungen hinaus auch für die anderen Bereiche der Sprechwissenschaft gleichsam eine Säule des Fachverständnisses. Man wird auch in den früheren Publikationen, die von Vertretern der Halleschen Schule stammen, im Hinblick auf respiratorische, phonatorische oder artikulatorische Abläufe kaum je spekulative, nebulöse Ansichten und Äußerungen oder Statements von zweifelhafter wissenschaftlicher Gültigkeit lesen.

Die physiologisch-anatomische Wissensgrundlage spielte natürlich in erster Linie für die Phonetik - und hier wiederum für die physiologische Phonetik - eine wichtige Rolle, daneben für die Stimm- und Sprechbildung. Das Ensemble der sprechkundlichen Teildisziplinen ist historisch gewachsen, ebenso die Einbindung der Klinischen Sprechwissenschaft in das Ensemble der Teildisziplinen unseres Faches. Dennoch handelt es sich nicht einfach um eine historische Erscheinung, vielmehr zeigt sich die Relevanz von Erkenntnissen und Forschungsergebnissen einer bestimmten sprechwissenschaftlichen Disziplin für die anderen und mithin die Verzahnung der einzelnen Teilgebiete immer erneut.

 

Abdruck erfolgt in Anlehnung an:

Anders, L. Ch. (2001): Klinische Sprechwissenschaft - Position und Positionierung. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung: Zum Wissenschaftverständnis der Sprechwissenschaft. 11. - 14.10.2002, Landau i. d. Pfalz